Gedächtnis: Informationen speichern und abrufen


Gedächtnis: Informationen speichern und abrufen
Gedächtnis: Informationen speichern und abrufen
 
Menschen gestehen lieber ein schlechtes Gedächtnis ein, als eine mindere Intelligenz, obgleich beide eng zusammengehören, wie die meisten Intelligenztests belegen. Diese Fehlbeurteilung des Gedächtnisses mag damit zusammenhängen, dass es zu den schwierigsten Themen der Psychologie gehört und bis heute den Forschern Rätsel aufgibt. Zumindest ist klar, dass das Gedächtnis auf keinen festen Ort im Gehirn allein beschränkt ist. »Das« Gedächtnis ist ein Abstraktum, ein Ergebnis anderer psychischer Prozesse, die über den Augenblick hinausreichen. Aber auch das ist zweifelhaft, seit man drei Stufen hervorhebt, das Ultrakurzzeit-, das Kurzzeit- und das Langzeitgedächtnis.
 
 Funktionen des Gedächtnisses
 
In funktioneller Hinsicht, das heißt, nach der Arbeitsweise des Gedächtnisses, werden vier Gedächtnisleistungen unterschieden: Sortieren der Reizinformation (sensorische Auslese, Rezeption), Einprägen (Enkodierung), Behalten (Retention) und Abruf (Ekphorie). Die Auslese zwischen den Sinneskanälen und innerhalb der einzelnen Eingänge von Sinnesreizen erfolgt nur zum kleinen Teil willkürlich, in der Regel jedoch nach frühen Bevorzugungen, lebenslangen Gewohnheiten, zeitbedingten Begünstigungen und Variationen weiterer psychologischer und soziologischer Merkmale.
 
Informationen filtern und einprägen
 
Auf den Menschen strömen eine Unmenge von Informationen ein: 109 bis 1010 bit pro Sekunde, die bei der Weiterverarbeitung im Gehirn auf 25 bit/s bis 100 bit/s schrumpfen und auf der Handlungsebene (Verhalten) sich wiederum zu 103 bis 107 pro Sekunde vervielfältigen. Mit anderen Worten: Wir leben in einer Umwelt (der Biologe Jakob von Uexküll bezeichnete sie als Merkwelt) mit einer astronomischen Reizsituation, die wir innerlich vereinfachen, um sie wiederum hochkompliziert zu beantworten (die Wirkwelt). Merk- und Wirkwelt bilden nach von Uexküll einen Funktionskreis, in dem sich Anfang und Ende treffen und in der gemeinsamen Funktion aufheben. Wenn beispielsweise jemand gewohnt ist, bei einem Waldspaziergang auf die Geräusche zu achten, wird er »wie von selbst« zahlreiche Vogelarten an ihren Stimmen unterscheiden. Für einen Unerfahrenen sind sie nur Hintergrundlärm. Ersterer »ent-sinnt« die Geräusche, das heißt, er unterscheidet sie durch seine persönliche Aufnahmebereitschaft. Diese Bereitschaft kann sich zeitweise verändern: Bei Erschöpfung, im Halbschlaf oder im Fieber hat schon jeder einen Abbau der Aufnahmefähigkeit erlebt. Ferner ist das Gedächtnis von der Zufallssituation, der Motivierung und der Stimmung abhängig.
 
Wissenschaftler unterscheiden aufgrund von Untersuchungen an Patienten mit Gedächtnisverlusten vier verschiedene Gedächtnisgruppen. Die wichtigste ist die Gedächtnisbündelung (die assoziative Aktivierung oder Priming). Sie basiert auf der seit Aristoteles bekannten Tatsache, dass nicht Einzeldinge erinnert werden, sondern gleichzeitig Ähnliches »vorgewärmt« wird. Priming liegt vor, wenn ein Ereignis A die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses B vergrößert, das mit A assoziiert ist. Im Sinne der vorher behandelten Bedeutungstheorie ist Priming die unterschwellige Aktivierung eines ganzen Systems von Assoziationen. Dies erleichtert das Wiedererkennen schon einmal erlebter Situationen. Ferner unterscheidet die Gedächtnispsychologie qualitativ zwischen einem episodischen und einem prozeduralen Gedächtnis. Ersteres verbessert die chronologische Ordnung persönlicher Erlebnisse, wobei stark emotionalisierte Ereignisse bevorzugt erinnert werden. Das prozedurale Gedächtnis automatisiert unsere Handlungs- und Bewusstseinsabläufe. Eine weitere qualitative Gedächtnisgruppe ist das »enzyklopädische« Gedächtnis, das die gewaltige Menge des (mehr oder weniger) gefühlsneutralen Wissens von den Telefonnummern bis zum Schatz wissenschaftlicher Kenntnisse umfasst.
 
Die beteiligten Gehirnstrukturen für die Speicherung der verschiedenen Ereignisse sind für die vier Gedächtnisgruppen nicht dieselben. So werden Informationen für das episodische Gedächtnis und das »enzyklopädische« Gedächtnis zunächst zur Einprägung in den Hippocampus (zu deutsch Seepferdchen) und die Amygdala (den Mandelkernkomplex) im limbischen System geleitet, wo vielgestaltige Bedingungen bestimmen, was in die Großhirnrinde gelangt und so dauerhaft der Erinnerung erhalten bleibt. Diese Merkfunktion ist zeitabhängig. Inhalte für das prozedurale Gedächtnis werden offenbar vor allem in den Basalganglien, großen im Endhirn gelegenen Kernstrukturen, und eventuell im Kleinhirn verarbeitet und abgelagert. Beim Priming geschieht beides in der Großhirnrinde nahe der sensorischen Areale.
 
In früheren Jahrhunderten wurden höhere oder zumindest andere Gedächtnisleistungen gefordert als heute bei Verwendung von Computern als Gedächtnisersatz. Beispielsweise sind die Fähigkeiten zum Kopfrechnen dramatisch gesunken, stattdessen sind eine größere Menge und Vielfalt an Informationen und an Lernstoff zu bewältigen. Die Felder für die Einspeicherung von Daten und ihre Rückführung zur Großhirnrinde sind demnach unterschiedlich übbar. Die Erleichterung, sich Dinge durch Gedächtnisstützen einzuprägen, vergrößert unseren Gedächtnisschatz, der wiederum unsere geistige Leistungsfähigkeit verbessert. Das heute kaum noch gebräuchliche Auswendiglernen von Gedichten oder Erzählungen, wie es zum Teil im Orient noch ausgeübt wird, hat früher die Gedächtniskultur mitbestimmt.
 
Informationen behalten und abrufen
 
Alle im Gedächtnis behaltenen Fakten und Gegebenheiten legen wir wie Besitztümer ab und bauen eine »innere Bibliothek« auf. Die Bücher sind darin allerdings nicht ungelesen abgestellt, bis man sie herausnimmt und in ihnen blättert. Der Vorgang des Behaltens ist ein von Mensch zu Mensch verschiedenes ständiges Vergleichen der bisher gesammelten Gedächtnisinhalte. Der amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga schrieb über diese Funktion: »Ein wichtiges Postulat der früheren Psychologie war, dass die Elemente unserer Denkprozesse im »Bewusstsein« seriell (also nebeneinander) verarbeitet werden, bevor sie schließlich zu Erkenntnissen (Kognitionen) werden. Ich halte diese Vorstellung für völlig verfehlt. Im Gegensatz dazu möchte ich behaupten, dass das menschliche Gehirn modular organisiert ist. Unter Modularität verstehe ich, dass das Gehirn aus voneinander relativ unabhängigen Funktionseinheiten besteht, die parallel arbeiten. Der Geist ist kein unteilbares Ganzes, das mittels eines einzigen Verfahrens sämtliche Probleme löst. Die riesige und komplexe Informationsmenge, die auf unseren Geist trifft, wird in Teilmengen unterteilt und dann von vielen Systemen gleichzeitig verarbeitet.. .. Wenn wir verstehen, dass unser Geist modular organisiert ist, wird auch klar, dass wir einen Teil unseres Verhaltens als »eigensinnig« akzeptieren müssen und dass ein bestimmtes Verhalten nicht unbedingt eine Folge bewusster Denkvorgänge sein muss.«
 
Die Verarbeitung von Wissen, Erinnerung und Betrachtung, insgesamt also das Interpretieren von geistigen Inhalten, ist ständig im Fluss. William James sprach vom »Bewusstseinsstrom«. Das innere Leben setzt sich sogar im Traum fort, wobei allerdings die »Module« für das Wachbewusstsein inaktiv sind. Entscheidend für das Erinnerungsvermögen ist, dass wir kein statisches, sondern ein dynamisches Gedächtnis besitzen, in dem Veränderungen der Speicherinhalte die Regel und nicht die Ausnahme sind.
 
Holen wir durch einen Abruf gezielt Gedächtnisinhalte aus der Bibliothek unseres Kopfes hervor, beispielsweise in Prüfungen, sind andere Teile des Gehirns beteiligt als beim Einspeichern der Informationen. Beim Abruf sind es vor allem das Stirnhirn und der vordere Schläfenlappen im Großhirn, die durch einen starken Nervenfaserstrang miteinander verbunden sind. Eine wichtige Rolle — insbesondere bei autobiographischen Informationen — scheinen auch Regionen in der Amygdala und im Thalamus zu spielen. Die genannten Regionen des Gehirns sind zu einem Netzwerk verflochten, in dem in einem komplizierten Zusammenspiel die bewussten Gedächtnisinhalte entstehen. Für den Abruf der verschiedenen Gedächtnisinhalte scheinen die Großhirnhemisphären unterschiedlich aktiv zu sein. Beim Abruf von autobiographischen Inhalten aus dem episodischen Gedächtnis sind das Stirnhirn und der Schläfenlappen der rechten Hirnhemisphäre aktiv, beim Abruf von Fakten sind es dagegen die gleichen Strukturen in der linken Großhirnhemisphäre.
 
 Zeitliche Stufen des Gedächtnisses
 
So wie man Wasser und Wellen nicht trennen kann, gehört das Gedächtnis untrennbar zum Gesamtpsychischen. Im Laufe der Lebensjahre fallen im Allgemeinen bei alten Menschen nach und nach Einzelbereiche an Gedächtnisleistungen aus. Zuerst werden die kurz zurückliegenden Ereignisse vergessen, Kindheitserinnerungen dagegen bleiben noch lange im Gedächtnis. Diese und andere Erfahrungen mit dem Gedächtnisaufbau führten zur Annahme eines zeitlich gestaffelten Aufbaus des Gedächtnisses. Informationen werden zunächst wenige Augenblicke im Ultrakurzzeitgedächtnis behalten, dann eine variable Zeitspanne im Kurzzeitgedächtnis mit begrenzter Speicherkapazität und -dauer als »unmittelbares Behalten« aufbewahrt und zuletzt eventuell im Langzeitgedächtnis zum Teil lebenslang niedergelegt. Auch bei der Untersuchung der zeitlichen Abläufe im Gedächtnis wurde deutlich, dass dieses nicht ohne komplexe Zusammenschaltungen vieler Hirnareale funktionsfähig ist.
 
Das Ultrakurzzeit-, das Kurzzeit- und das Langzeitgedächtnis
 
Im Ultrakurzzeitgedächtnis oder sensorischen Register kann ein Reiz eine ganz kurze Zeit nachwirken, nachdem er selbst bereits wieder verschwunden ist. Dieser Effekt lässt sich bei visuellen Reizen mit einem »fotografischen Gedächtnis« vergleichen. Jeglicher zugängliche Reiz wird in jedem Augenblick, so wie er ist, registriert, noch bevor eine Verarbeitung einsetzt und der Reiz während eines Prozesses der Wiedererkennung von Mustern einer Kategorie zugeordnet wird. In ungezählten Fällen kann man solche Erscheinungen verfolgen, etwa beim schnellen Bewegen eines Bleistifts, beim Nachzählen von Glockenschlägen oder bei den Gedächtnisfarben: Im Periskop sieht man Gegenstände beim seitlichen Wegziehen immer noch farbig, obwohl dort keine Farbwahrnehmung möglich ist. Auch die Bewegung der Kinobilder beruht auf dem Effekt der Nachbilder. Das Ultrakurzzeitgedächtnis spielt auch beim Lesen eine Rolle. Das Auge bewegt sich nicht laufend über die Zeilen hinweg, sondern ruckt von Unterbrechung zu Unterbrechung, wobei der Leser je nach Leseübung mehr oder weniger Wörter verarbeitet, ehe er nach einem weiteren Augenruck eine nächste Wortgruppe erfasst.
 
Im Unterschied zum Ultrakurzzeitgedächtnis, das in seinen vielen Sinnesbereichen kaum über eine Sekunde hinausreicht, speichert das Kurzzeitgedächtnis etwa 12 bis 20 Sekunden lang ein begrenztes Bündel von etwa sieben Einzelheiten als Kapazitätsmaximum. Typisch ist die Situation beim Einprägen einer eben gelesenen Telefonnummer. Man muss sie ziemlich schnell in einem Zug wählen, um sie nicht zu vergessen. Wird man gestört, ist die Gesamtzahl verloren. Abweichungen von der mittleren Dauer des Kurzzeitgedächtnisses ergeben sich durch die erwähnten situativen Bedingungen, wie großen Lärm, Desinteresse, Krankheit und Sorgen. Eine höhere Kapazität haben die Eidetiker, also Menschen (besonders Kinder), die ein Bild so speichern können, dass es nach dem Verschwinden vor dem »inneren Auge« bildhaft erscheint. Aber auch der Nichteidetiker kann sich durch assoziative Hilfen Informationen leichter einprägen und so sein Kurzzeitgedächtnis stärken. So half früher ein Knoten im Taschentuch, um etwas assoziativ in Erinnerung zu behalten.
 
Das Langzeitgedächtnis gilt im Alltag als das »eigentliche« Gedächtnis. Seinen tatsächlichen Umfang im Einzelfall kennt niemand. Beispielsweise umfasst allein das Wortgedächtnis der meisten Menschen einige Tausend Wörter; dazu kommt der umfangreichere passive (zwar verstandene, aber nicht verwendete) Wortschatz. Rechnen wir dazu unsere erinnerten Vorstellungen, das Gedächtnis für unvergessliche Erlebnisse, das Zahlen- und Datengedächtnis, das Wissen darum, wie man bestimmte Dinge verrichtet oder unser Spezialwissen hinzu, so ergibt das eine ungeheure Menge an Gedächtnisinhalten. Man nimmt für das Protokollgedächtnis, das heißt vergangene Informationen, über die Aussagen gemacht werden können, eine Speicherkapazität von 108 bis 1010 bit an. Außerdem gibt es nachweislich ein Gedächtnis, das nur in außerordentlichen Situationen, zum Beispiel unter Todesgefahr, abrufbar ist. Die tiefenpsychologischen Schulen gehen überdies von einem (persönlichen, familiären, kollektiven) unbewussten Gedächtnis aus, das einen schwer zugänglichen Bodensatz unseres Erinnerns ausmacht. Neben dem Protokollgedächtnis werden ferner unbemerkte Wiedererkennungen (Rekognitionen) in großer Zahl vermutet. Sie enthalten einen Schatz an Ordnungsmerkmalen, welche zur geistigen Orientierung in der Welt nötig sind. Schon eine so einfache Differenzierung, ab wann ein abgeschriebener Bleistift »kurz« ist, hängt von kognitiven Entscheidungsprozessen ab.
 
Gedächtnistheorien
 
Wie diese drei »Gedächtnisse« arbeiten, versuchen drei Theoriengruppen, die Filtertheorien, die Assoziationstheorien und die Speichertheorien, zu verdeutlichen.
 
Donald Broadbent übermittelte Versuchspersonen über Kopfhörer Zahlen, über das linke Ohr zum Beispiel 945, über das rechte zum Beispiel 723. Die Versuchspersonen gaben die Zahlen entweder als 945 723 oder 723 945 wieder, dagegen niemals als 974 235 oder Ähnliches. Aus vielen solchen Versuchen entwickelte Broadbent eine Filtertheorie. Das Gedächtnis ist demnach durch eine Gruppenauswahl organisiert. Nur durch Auslese (Selektion) mit einem (oder mehreren) Filter(n) kann die auf uns einströmende Datenflut bewältigt werden. Zum Beispiel löst beim Sprachverständnis ein gegebenes Anfangswort leicht eine Gruppe von Wörtern mit gleichen Anfängen aus.
 
Die ältesten Versuche, die Arbeitsweise des Gedächtnisses zu erklären, sind die Assoziationstheorien, die auf Aristoteles zurückgehen. Sie nehmen an, dass bestimmte Bedingungen die Merkfähigkeit und den leichteren Abruf fördern: Ähnlichkeit (Similanz), Gegenteiligkeit (Kontrast), Berührung in Zeit und Raum (Kontiguität) und Sinnzusammenhang (Kohärenz) zu früher Erlebtem erleichtern das Behalten von neuen Eindrücken. Nach diesen Theorien besteht für das Gedächtnis eine Art Verkettungszwang. Spätere Theorien fügten den klassischen Assoziationsregeln weitere begünstigende Bedingungen für die Bildung von Assoziationen hinzu, zum Beispiel Lebhaftigkeit, Neuheit oder häufige Wiederholung.
 
Laut den Speichertheorien ist dagegen das Gedächtnis kein einförmiger Prozess, sondern ein »Mehr-Speicher-Phänomen«. Diese Theoriegruppe vereinigt sowohl die drei vorher beschriebenen zeitlichen Stufen des Gedächtnisses als auch die Filter- und die Assoziationstheorien. Gedächtnis ist danach ein verketteter Prozess aufgenommener Sinnesreize, die nach einem sensorischen Speicher (Ultrakurzzeitgedächtnis) einen Filter durchlaufen, in einem Primärgedächtnis (Kurzzeitgedächtnis) kurzfristig aufbewahrt werden und danach entweder verblassen oder über eine Art Sammellinse (Assoziation) zum Sekundärgedächtnis (Langzeitgedächtnis) weitergeleitet werden, in dem sie nicht nur aufbewahrt, sondern auch reflektiert werden. Das Gedächtnis ist nach den Speichertheorien immer auch »zur Verarbeitung ausersehene Vergangenheit«.
 
Die Anteile des Gedächtnisses sind wie die Hirnleistungen sowohl auf »besondere Verrichtungen« wie auf »gemeinsame Wirkungen« ausgerichtet. Gedächtnis verwahrt Gewesenes, bereitet es für das Erinnern in der Gegenwart auf und ordnet es für das Weiterleben in der Zukunft. Es ist also weit mehr als eine Vergangenheitsregistratur. Es ist auch ein Instrument der Lebenshilfe; negativ ausgedrückt: Das Gedächtnis ist nicht sehr zuverlässig.
 
 
Schon Cicero schrieb: »Das Gedächtnis nimmt ab, wenn man es nicht übt.« Daraus folgt: Die Gedächtnisleistung ist wandelbar und kann nicht nur vernachlässigt, sondern durch eine gezielte Einprägung oder durch einen verbesserten Abruf auch gemehrt und verfeinert werden.
 
Menschen können sich Dinge unterschiedlich gut einprägen
 
Warum merkt sich der eine viel und der andere wenig? Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Es liegt wohl, außer an zumeist unbekannten physiologischen Ursachen, an seinem Interesse und seiner Methodik, wenn jemand weniger behält als der Durchschnitt der Menschen. Das Interesse ist der Motor für das Behalten. Der Wissbegierige hat im Gegensatz zum Interesselosen eine Suchhaltung. Der Interesselose nimmt nur das auf, was sich nicht ignorieren lässt. Jeder kann sein Wissen vermehren, wenn er versucht, gezielt Lücken im bereits Gewussten auszufüllen. Solche Fundstücke werden fast nie wieder vergessen. Wer gewohnt ist, sein erinnertes Wissen zu ordnen und abzurunden, erzieht sich zu höheren Gedächtnisleistungen.
 
Die Ansätze, wie man Informationen am besten behalten kann, sind nicht für alle Menschen gleich. Deshalb gilt es, bei den im Folgenden genannten fünf wichtigsten Unterschieden der individuellen Gedächtniseigenschaften für sich selbst die individuellen Präferenzen herauszufinden und die hierbei gewonnenen Erkenntnisse, wenn möglich, einzusetzen.
 
Den wichtigsten Gegensatz bildet die Neigung zum Wiederholen und zum produktiven Behalten. Ersteres stützt sich auf das fast mechanische Wiederholen, bis »es sitzt«; Letzteres nannte der frühe französische Intelligenzforscher Alfred Binet »ideativ«, das heißt, das Festigen neuer Inhalte im Gedächtnis durch verstehendes Begreifen, Vergleichen und Überdecken mit anderen Merkinhalten. Ein mit jenem Gegensatz zusammenhängender Unterschied bezieht sich auf die Kanalpräferenz: Über welchen Sinneskanal kann sich jemand etwas besser einprägen? Zum Beispiel durch lautes Lesen (akustischer Kanal), durch Betrachten von Bildern parallel zum Text (optischer Kanal) oder durch Abschreiben (motorischer Kanal).
 
Drittens gibt es Menschen mit bevorzugten induktiven oder deduktiven Einprägungen, also solche, die schneller vom Einzelnen zum Allgemeinen fortschreitend beziehungsweise umgekehrt einspeichern. Weiterhin können eingeprägte Informationen bei einzelnen Personen im Gedächtnis nivelliert oder präzisiert werden. Das muss man entweder durch vergleichende Beispiele oder zunehmend differenziertere Wiederholungen berücksichtigen. Schließlich unterscheidet die neuere Gedächtnisforschung zwischen Menschen mit vorherrschend episodischem oder semantischem Einprägen, das heißt solchen, die sich besser den äußeren Ablauf von Geschehnissen merken und solche, die besser durch Worterklärungen behalten. Sobald man solche Unterschiede für die eigenen Gedächtnisneigungen oder Behaltenseigenschaften kennt, sollte man sie möglichst berücksichtigen und versuchen, sich den Gedächtnisstoff in der passenden Art einzuprägen.
 
Die Festigung eingeprägter Gedächtnisinhalte
 
Sich etwas einzuprägen, ist eine der Ursprungsleistungen höher entwickelter Tiere. Der Mensch als unspezifisch angepasstes Lebewesen muss sich im Gegensatz zu reinen Instinktwesen mehrheitlich auf das Artgedächtnis, den Erfahrungsschatz seiner Artgenossen, stützen, um überleben zu können. Der Mensch lernt unvergleichlich mehr aus den Erfahrungen seiner Vorfahren als durch eigene Erfahrung. Schon in der Frühzeit des Menschen halfen weltanschauliche Regeln das Leben körperlich und geistig zu bewältigen. Dieses Artgedächtnis reicht bis in die ritualisierten Strategien der Lebensgestaltung (zum Beispiel Gruß, Höflichkeitsformen oder religiöse Riten). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass schon in den Höhlen der Cro-Magnon-Menschen Zeichen für rituelle Opfer von Fingergliedern gefunden wurden, die bei bestimmten Schicksalsschlägen ihre Götter gnädig stimmen sollten. Auch der Aberglaube gehört also zum gespeicherten Gemeinschaftsgedächtnis, nicht nur handwerkliches Wissen und gesellschaftliche Erinnerungen.
 
Um sich Sachverhalte besser einzuprägen, bieten sich verschiedene Gedächtnistechniken an. So wie in der Literatur ein Symbol dazu dient, eine Idee wieder zu erkennen (zum Beispiel bei Henrik Ibsen die Wildente als Symbol für die Freiheit), kann man auch im Alltag Gegenstände oder Sachverhalte als Träger einer symbolischen Unterstützung nutzen, um sie sich besser einzuprägen. So unsinnig es scheint, das Lehrbuch beim Schlaf unter das Kopfkissen zu stecken: als Verfahren, um sich selbst zu beeinflussen, hat es manchmal seine Wirkung. Besser fördert man das Gelernte, wenn man es zeitweilig ruhen lässt, um es von Zeit zu Zeit, wenn das Wissen verblasst, wieder aufzufrischen. Es gibt zahlreiche andere Hilfstechniken, beispielsweise beim Einprägen von Telefonzahlen handliche Zahlengruppen zu bilden oder sich die Anzahl der Monatstage mithilfe der Knöchelerhebungen der Faust für die langen Monate und der Täler dazwischen für die kurzen Monate zu merken.
 
Die elaborierte Einprägung kannte man schon im Altertum als Eselsbrücke: Man nimmt einen gut bekannten Ort, zum Beispiel das eigene Zimmer, und hängt gedanklich an den Gegenständen darin abstrakte Merkverläufe auf, um den »Überblick« zu konkretisieren. Bei einer reduktiven Einprägung geht man umgekehrt vor. Durch die Wegnahme der unübersichtlichen Vielfalt werden einige wenige Hauptmerkmale herausgefiltert, die sich leichter einprägen und im Einzelnen anwenden lassen. Um die Baustile von Gotik, Renaissance und Barock zu unterscheiden, vergleicht man allein die Fensterform: Sie variiert vom Spitzbogen über den klaren Bogen bis zum durchbrochenen Bogen. Fast alle Tabellen, Bilderschriften und Auflistungen nutzen dieses Prinzip der reduktiven Ordnung.
 
Wie ruft man Gedächtnisinhalte besser ab?
 
Wenn wir alle Gedächtnisinhalte ständig parat hätten, bliebe kein Raum im Gedächtnis für gegenwärtige Erlebnisse oder neue Erfahrungen. Deshalb vergisst das Gedächtnis manches und stellt Vergangenes nur zur Verfügung, wenn man sich bewusst daran erinnern möchte. Nachteilig ist das zum Beispiel in einer Prüfung, wenn es nicht gelingt, gespeicherte Informationen hervorzuholen. Kann jemand Wissen schnell abrufen, gilt das häufig als Zeichen für ein sicheres Beherrschen des Gelernten. Auch wenn das oft nicht stimmt, sollte man doch das schnelle Abrufen von Gedächtnisinhalten üben. Weniger Geübte werfen sich sonst nach einer Prüfung vor: »Das hätte ich auch noch sagen können.«
 
Eine mögliche Methode, um sein Wissen schnell parat zu haben, ist der Faktenabruf. Bei ihm ignoriert man die Fülle der »mitgelernten« Dinge, das heißt den Ort, die Umstände oder den Lehrenden, an die man sich bei dem Gemerkten miterinnern kann. Das verhindert, ins Nebensächliche abzuschweifen und nützt der prompten Wiedergabe des gespeicherten Wissens. Der Suchabruf dagegen dient nicht dazu, bestimmte Gedächtniseinheiten hervorzuholen, sondern mehr oder weniger festgelegte Sondierungsinhalte, auf die es häufig bei kreativeren Leistungen ankommt. Der Suchabruf spricht nicht »punktuell« auf Erwartungen an. Bei ihm erfolgt der Abruf »systemisch«, das heißt sowohl komplex zusammenhängend wie zielgerecht nach vorgegebenen Strukturen, die für den Einzelfall eines erinnerten Faktums individuell bestimmt sind.
 
Der verlangsamte Abruf nutzt den vielfältigen Abruf von mehreren Suchgegenständen, um die Abschöpfquote des Gedächtnisses zu erhöhen. Bei schwierigen Prüfungsaufgaben nützen solche Verzögerungen, um ein breites Wissen hervorzuholen. Der produktive Abruf erweitert den verlangsamten durch die Einbeziehung verwandter Themen. Selbst knappe Stichwörter können so einen massierten Abruf auslösen. In guten Prüfungen erlebt sich der Prüfling als Wissender, weil der produktive Abruf zu neuen Erkenntnissen führen kann. Eine solche anregende (statt der gewöhnlich ängstigenden) Prüfungssituation ist ein Beispiel für die oft unterschätzte »Gedächtnispflege«. Eine gesteigerte Gedächtnisarbeit verbindet Inhalte und verknüpft sie zu höheren Einheiten, deren Zusammenhang uns vorher noch nicht aufgegangen war. Das Gedächtnis erweist sich hier als eine höhere Verarbeitungsstufe und nicht nur als passiver Besitz an Wissen und Erfahrung aus vergangenen Zeiten.
 
 Das Entfallen und Vergessen
 
In der griechischen Mythologie trinken die Seelen der Verstorbenen aus dem Fluss Lethe der Unterwelt das Vergessen. Nach dieser Vorstellung können verlorene Erinnerungen so bedrückend sein, dass das Vergessen dieses Verlustes seelisch entlastet. Das Vergessen bewegt sich daher zwischen den Polen des positiven und negativen Gedächtnisverlusts. Die verschiedenen Prozesse des Vergessens erklären, wieso wir eine bestimmte Information aus dem Gedächtnis verlieren können.
 
Wenn man Erinnerungen lange Zeit nicht abruft, verkümmern sie wie ein ungebrauchter Muskel. Sigmund Freud nannte dieses Verschwinden »Usur«, analog zur Bezeichnung für Knochen- oder Knorpelschwund. Um zu verhindern, dass Erinnerungen durch Verzicht auf das Zurückschauen verkümmern, müssen sie immer wieder aufgefrischt werden. Bei den meisten Erinnerungen geschieht das nicht; sie werden dünner, besitzen weniger Einzelheiten und rücken in die Ferne, bis sie schließlich ganz dem Gedächtnis entfallen. Diesem spontanen Verfall unterliegen grundsätzlich alle Erlebnisse. Bei den »unvergesslichen Erlebnissen« verhindern ihre oft bis zur Gegenwart reichenden Konsequenzen den Spontanverfall. Er bleibt aus, wenn die Bedingungen für das Erinnern erfüllt sind, von de- nen die vier wichtigsten hier noch einmal zusammengefasst sind: Priming (sensorisches Wiedererkennen), prozeduales Gedächtnis (Automatisierung von Handlungen, Bewegungen und Reaktionsfolgen), episodisches Gedächtnis (bezogen auf Ereignisse mit starkem emotionalen Gehalt) und enzyklopädisches Wissen (Fakten, die sich gegenseitig zu einem Wissenssystem ergänzen).
 
Formen des Vergessens
 
Eine ganz andere Form des Vergessens ist die Falscherinnerung. Anstelle der tatsächlich vergessenen Erinnerung schiebt sich ein Ersatz, der den ursprünglich eingespeicherten Erlebnissen bestenfalls ähnlich sieht. Ein Ereignis, zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit jemanden, kann so auf eine andere Person projiziert werden. Ein anderes Beispiel ist die Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie), bei der eine Reihe von Fehlern durch falsches Erinnern entstehen und so die Schreibfähigkeit behindern. Wir können auch etwas vergessen, weil wir zu sehr mit einer anderen Sache beschäftigt sind. Man nennt diesen Vorgang aktive Hemmung und unterteilt ihn in drei Unterformen: Lernt man zum Beispiel eine Liste von Wörtern und soll sie am nächsten Tag wiedergeben, können sich früher erworbene Lerninhalte ungünstig auf die Gedächtnisleistung auswirken (proaktive Hemmung). Auch unmittelbar vor dem Gedächtnistest Gelerntes kann die Wiedergabe der ursprünglichen Wortliste beeinträchtigen (retroaktive Hemmung). Ähnlich kann die Übertragung von in einer Aufgabe erworbenen Fähigkeiten oder Lerninhalten auf eine andere Aufgabe deren Erledigung behindern. Bei Unfällen, in Paniksituationen und bei ähnlichen ungewöhnlichen Ereignissen können Gedächtnisinhalte verloren gehen. Je konzentrierter man bei einer Sache ist, desto nebensächlicher und vergessenswürdiger wird anderes. Dadurch kann der Hochkonzentrierte, wie der sprichwörtliche vergessliche Professor, leicht konfus wirken. In seiner Verwirrung kann er seine Brille suchen, die er sich nur auf die Stirn geschoben hat.
 
Wir können Dinge auch vergessen, indem wir versuchen, das Gedächtnis bewusst auszuschalten. Eine öffentliche Blamage, einen Misserfolg oder ein peinliches Verhalten, besonders eine unterlassene Hilfeleistung verriegeln wir im Gedächtnis so fest, als ob wir den Schlüssel zu seinem Zugang verloren hätten. Wahrscheinlich besitzt jeder Mensch ein solches »Un-Gedächtnis«, eine Reihe verborgene Erinnerungen, die man absichtlich für den Rückruf sperrt. Die Psychoanalyse fasst unter dem Begriff »Verdrängung« eine Reihe von Abwehrmechanismen zusammen, die sich gegen uneingestandene Schuldgefühle wenden. Zu ihnen gehören vor allem die Projektion, die eigene unbewusste Regungen anderen zur Last legt, die Regression als Rückfall in kindliche Verhaltensformen, die Sublimierung als Umorientierung unterdrückter Regungen auf kulturell anerkannte Objekte oder die Ersatzbildung, die anstelle der unerwünschten Erinnerung eine genehmere setzt.
 
Vorgänge des Vergessens können schließlich auch durch äußere, körperliche Einflüsse ausgelöst werden. So können Boxer, die schwere Schläge an den Kopf einstecken mussten, Hirnschäden davontragen. Gedächtnisausfälle (Blackouts) treten zunächst verdeckt auf, einzelne Ereignisse können nicht mehr erinnert werden und der vom Gedächtnis abhängige Sprachschatz schrumpft. Bei traumatischen seelischen oder körperlichen Erschütterungen gibt es Ausfälle von Gedächtnisinhalten, die eher den jüngeren Zeitraum betreffen, wogegen intensive, besonders erfreuliche Erlebnisse aus der »guten alten Zeit« erhalten bleiben.
 
Außer diesen Formen von Gedächtniseinbußen gibt es Abweichungen vom »Normalgedächtnis«, beispielsweise das unsichere Traumgedächtnis, die pathologische Konfabulation, bei der Erinnerungslücken mit den erstbesten Einfällen ausgefüllt werden oder die Gedächtnisblockade bei Trunkenheit, auch als »Filmriss« bekannt. Sie alle zeigen, wie komplex das Gedächtnis organisiert ist.
 
Erkrankungen des Gedächtnisses
 
Im Unterschied zu den Gedächtnisstörungen sind Gedächtniserkrankungen unumkehrbare, chronische Prozesse, bei denen die Erinnerungsfähigkeit zunehmend geschädigt wird. Es gibt drei wichtige Gruppen: das Korsakoff-Syndrom, die Amnesien und die Demenzen.
 
Bei Patienten mit dem Korsakoff-Syndrom (benannt nach dem Moskauer Psychiater Sergej Korsakoff) bleibt zwar die Intelligenz erhalten, ihre Merkfähigkeit ist jedoch herabgesetzt und der Persönlichkeitshorizont ist verengt, was zu Interesselosigkeit und Konzentrationsschwäche führt. Korsakoff beschrieb einen Patienten: »Anfangs im Gespräch ist das Vorhandensein einer Geistesstörung beim Kranken schwer zu bemerken: Er macht den Eindruck eines Menschen, welcher seiner Geisteskräfte vollständig Herr ist. Er spricht mit voller Überlegung, zieht aus den gegebenen Prämissen die richtigen Schlüsse, spielt Schach, kurz — er benimmt sich wie ein geistig gesunder Mensch. Nur nach längerer Unterhaltung kann man bemerken, dass der Kranke von Zeit zu Zeit die Begebenheiten durcheinander mengt, nichts von dem, was um ihn herum vorgeht, im Gedächtnis behält: Er erinnert sich nicht, ob er gespeist hat, ob er aus dem Bett aufgestanden ist. Manchmal vergisst der Kranke sofort wieder, was mit ihm geschehen ist. Derartige Kranke können mitunter stundenlang ein und dieselbe Seite lesen, weil sie das Gelesene absolut nicht im Gedächtnis behalten. Sie können 20-mal der Reihe nach ein und dieselben Dinge reden, ohne sich auch nur im Mindesten der beständigen Wiederholung ihrer stereotypen Reden bewusst zu sein. An die Personen, mit denen der Kranke ausschließlich zur Zeit der Krankheit in Berührung kam, zum Beispiel der behandelnde Arzt, der Wärter, kann er sich oft nicht erinnern, wiewohl er sie beständig sieht; und jedes Mal, wenn er sie erblickt, versichert er, sie zum ersten Mal zu sehen.«
 
Neben dem Korsakoff-Syndrom gibt es einige Gedächtniserkrankungen, die durch Hirnschläge, Gewebewucherungen und entzündliche Prozesse entstehen. Betroffen ist in der Regel das Großhirn. Am auffälligsten unter ihnen sind die retrograden und anterograden Amnesien mit einer zeitlich begrenzten Erinnerungsunfähigkeit. Bei einer retrograden Amnesie liegen die Gedächtnisverluste vor der körperlichen oder seelischen Schädigung (Trauma). Bei anterograden Amnesien betreffen die Gedächtnisstörungen Ereignisse nach dem Trauma. Zur Gruppe der Amnesien gehört auch die »Fugue« genannte Flucht mit Gedächtnisverlust. Beschrieben wurde der Fall eines ungefähr 25-jährigen Mannes, der durch die Polizei ins Krankenhaus gebracht wurde, nachdem er offenbar ziellos durch London geirrt war. Alles, woran er sich erinnern konnte, war vor seinem Polizeigewahrsam ein lateinischer Spruch und ein sehr ernst dreinschauender Mann mit Schnauzbart. Er konnte aber nicht angeben, wo er aufgewachsen war, noch sonst irgendetwas bis zum Zeitpunkt, als er aufgegriffen wurde. Durch fortwährendes Überreden und Beschwichtigen gelang es, Ansätze von Erinnerungen herauszuholen, wie er nach London gekommen war. Nach einigen Tagen tauchte plötzlich alles wieder in seinem Gedächtnis auf, was vorher vergessen war. Es zeigte sich, dass er aus einer anderen Stadt stammte, dass er mit seinem Vater im Streit lag, und dass er kurz vor der Fahrt seine Verlobte besucht hatte. Ursprünglich wollte er mit dem Zug fahren, hatte aber im Bahnhof gemerkt, dass er nicht genügend Geld dabei hatte. Er fühlte sich plötzlich verwirrt, konnte nicht mehr klar denken und nicht einmal mehr seinen Namen nennen. Es folgte der Gedächtnisverlust, der Fugue. Der streng aussehende Mann war sein Vater und der lateinische Spruch war der seiner Heimatuniversität. Der Mann konnte nach einigen Tagen der Entspannung als geheilt entlassen werden.
 
Die dritte große Gruppe der Gedächtniskrankheiten sind die Demenzen. Hier handelt es sich um großflächige Hirnschäden mit einem Verlust an geistigen Leistungen. Am dramatischsten tritt der Abbau der bisher gefestigten Persönlichkeit mit massiven Zerstörungen des Gedächtnisses bei der Alzheimer-Krankheit auf. Die Tabelle beschreibt den bisher kaum beeinflussbaren Krankheitsverlauf.
 
Weitere Demenzformen sind die Pick-Krankheit, mit einem ähnlichen, jedoch früheren und flacheren Verlauf als die Alzheimer-Krankheit, die multiple Sklerose, eine herdförmige Nervenerkrankung mit Störungen des Gedächtnisses und der Motorik, die Encephalien, vielförmige Gedächtnisverwirrungen, die oft durch Viren hervorgerufen werden und das Down-Syndrom (früher Mongolismus genannt), das aufgrund einer dritten Kopie des Chromosoms 21 unter anderem zu geringer Gedächtnis- und Konzentrationsleistung führt. Gedächtnisabbau tritt auch bei anderen Erkrankungen wie Aids auf.
 
Prof. Dr. Hellmuth Benesch
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Lernen: Theorien - Verhalten - Störungen
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
psychophysiologische Grundlagen geistiger Prozesse
 
 
Das Gedächtnis. Probleme, Trends, Perspektiven, herausgegeben von Dietrich Dörner u. a. Göttingen u. a. 1995.
 Krämer, Sabine / Walter, Klaus-Dieter: Konzentration und Gedächtnis. München 21996.
 Markowitsch, Hans J.: Neuropsychologie des Gedächtnisses. Göttingen u. a. 1992.
 Vester, Frederic: Denken, Lernen, Vergessen. Neuausgabe München 251998.
 Weiskrantz, Lawrence: Consciousness lost and found. A neuropsychological exploration. Neuausgabe Oxford 1998.

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Gedächtnis — Erinnerung; Andenken; Gedenken; Andenken; Erinnerungsvermögen * * * Ge|dächt|nis [gə dɛçtnɪs], das; ses: 1. Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern: er hat ein gutes Gedächtnis; sein Gedächtnis trainieren. Zus.: Kurzzeitgedächtnis,… …   Universal-Lexikon

  • Gedächtnis — Unter Gedächtnis versteht man die Fähigkeit des Nervensystems von Lebewesen, aufgenommene Informationen zu behalten, zu ordnen und wieder abzurufen. Die gespeicherten Informationen sind das Ergebnis von bewussten oder unbewussten Lernprozessen,… …   Deutsch Wikipedia

  • Gedächtnis. — Gedächtnis.   Unter Gedächtnis wird die Fähigkeit verstanden, Informationen abrufbar zu speichern (Informationsspeicherung). Die Speicherung von Wahrnehmungen, Erfahrungen und Lern beziehungsweise Wissensinhalten wird als Merkfähigkeit oder… …   Universal-Lexikon

  • Episodisches Gedächtnis — Das episodische Gedächtnis ist Teil des deklarativen Langzeitgedächtnisses. Inhaltsverzeichnis 1 Struktur 2 Funktion 3 Abruf und Cueing 4 Kontextabhängigkeit …   Deutsch Wikipedia

  • Kurz-Zeit-Gedächtnis — Unter Gedächtnis versteht man die Fähigkeit des Nervensystems von Lebewesen, aufgenommene Informationen zu behalten, zu ordnen und wieder abzurufen. Die gespeicherten Informationen sind das Ergebnis von bewussten oder unbewussten Lernprozessen,… …   Deutsch Wikipedia

  • Sensorisches Gedächtnis — Unter Gedächtnis versteht man die Fähigkeit des Nervensystems von Lebewesen, aufgenommene Informationen zu behalten, zu ordnen und wieder abzurufen. Die gespeicherten Informationen sind das Ergebnis von bewussten oder unbewussten Lernprozessen,… …   Deutsch Wikipedia

  • Denken: Wahrnehmen, Erinnern, Wollen und Handeln —   Theodor Elsenhans schrieb in dem 1912 erschienenen, damals repräsentativen »Lehrbuch der Psychologie« über das Denken: »Beim Denken beobachtet man erscheinungsmäßig immer wiederkehrende Bezüge. Man nennt den Inhalt eines Gedankens im jeweiligen …   Universal-Lexikon

  • Demenz — Dementia (fachsprachlich); geistiger Verfall * * * De|mẹnz 〈f. 20; Med.〉 Geistesschwäche aufgrund einer Gehirnschädigung (AltersDemenz); oV Dementia [<lat. dementia „Unsinnigkeit, Wahnsinn“] * * * De|mẹnz, die …   Universal-Lexikon

  • psychophysiologische Grundlagen geistiger Prozesse —   Seit der Begründung der modernen Psychologie im 19. Jahrhundert, unter anderem durch Gustav Fechner, Wilhelm Wundt, Francis Galton und James McKeen Cattell, stützt man sich auf funktionelle Forschungsmodelle, um psychische Leistungen zu… …   Universal-Lexikon

  • Alzheimer-Krankheit — Ạlz|hei|mer|krank|heit auch: Ạlz|hei|mer Krank|heit 〈f. 20; unz.; Med.〉 unaufhaltsam voranschreitendes, meist zw. dem 50. u. 60. Lebensjahr auftretendes, starkes Nachlassen der geistigen Fähigkeiten bis zum gänzlichen Verfall der Persönlichkeit u …   Universal-Lexikon